»Die altgermanischen Heilpflanzen (Kräuter, Wurzeln, Bäume, Körner, Beeren, usw.) stammen fast ausschließlich aus der nächsten Umgebung der mit der Feuerstätte, Dörr- oder Rösthürde und Zaungehege ausgestatteten menschlichen Siedelung. Innerhalb dieser Hofreite wurden anfangs die Heilpflanzen nicht kultiviert, sondern wuchsen wild, wurden geschnitten oder ausgegraben mit den herkömmlichen älteren Geräten, und wie ein Getreide eingetragen, um über dem Feuer auf der Hürde als Vorrat geröstet oder getrocknet zu werden.«
Aber manche Heilkräuter, die nicht im Umkreis eines Dorfes wuchsen und die am Feldrain oder im Wald gesucht werden mussten, da sie sich als nützlich erwiesen hatten, wenn Mensch oder Vieh erkrankte, wurden schließlich im Garten angepflanzt. Es wurden auch andere Nutz- und Heilpflanzen innerhalb des Zaungeheges angebaut, z. B. Pflanzen, die reich an Stärke, Zucker und Fett waren (dagegen wurden die bis in unsere Tage viel verwendeten Gartenpflanzen mit reichem Gehalt an ätherischen Ölen erst später durch die Mönche, über die Alpen, aus Südeuropa eingeführt). Wenn der Hausgarten von einem lebendigen Zaun eingeschlossen war, wurde er von Schlehe und Weißdorn gebildet. Ferner wuchs der Haselstrauch und vor allem der Holler oder Holunderstrauch, der in allen seinen Teilen den Menschen diente: Beeren wurden als Mus genossen, Rinde, Wurzeln und Blüten nützten gegen verschiedene Leiden. Fliederbeersuppe und Holdermus waren einst verbreitete bäuerliche Gerichte (Flieder oder Fliederbeerbaum wird er in Norddeutschland genannt, Holder oder Holler in Süddeutschland). Er war der nächste Arzneischatz des Bauern und galt daher als Wohnsitz des guten Hausgeistes: »...für den Landmann war und ist noch heute der Holunder eine vollständige Hausapotheke. Alle Teile benutzt er und fast für jedes Leiden und Gebrechen findet er darunter ein Mittel«. (In neuester Zeit entdeckte man am Holunder Eigenschaften, welche selbst den naturverbundenen Germanen noch nicht bekannt sein konnten: Er verträgt sehr gut die städtische Luftverschmutzung, deshalb wird er als Luftverbesserer noch dort gepflanzt, wo andere Bäume keine Lebensgrundlage mehr finden). Er wehrte Krankheit und Zauber in vergleichbarer Weise wie der Wacholder oder der Sadebaum ab. Auch die Eibe gehört als Schreckbaum gegen die bösen Geister zum uralten Gartengut.
Literarische Zeugnisse römischer Schriftsteller zeigen, dass »...schon zu vorrömischer Zeit in ganz Deutschland und zum großen Teil auch in nordischen Ländern: Gerste, Weizen, Spelzweizen, Hafer, Roggen, Erbse, Linse, Bohne, Möhre, Rübe, Flachs, Hanf, Waid, Mohn und Apfel gebaut wurden«. Hanf und Mohn sind narkotisch wirkende und daher zu Heilzwecken benutzte Pflanzen. Alte germanische Hauslandpflanzen, die als Gemüse genossen wurden, waren der Wegerich, verschiedene Ampferarten, der Gute Heinrich und die Wegwarte.
Wie schon erwähnt, war der einzige von den Germanen in Kultur genommene Obstbaum der Apfelbaum, und zwar der Holzapfel. Dies ist auch der einzige Obstname, der rein germanischen Ursprungs ist. Der Apfel zeigt auch die meisten volkskundlichen Beziehungen: Als Sinnbild der Fruchtbarkeit spielte er viele Jahrhunderte hindurch im Liebesorakel des Volkes ein große Rolle.
Zwar waren den Germanen auch die Kirschbäume: Sauerkirsch, Süßkirsche sowie die Kriechpflaume bekannt, aber sie wurden nicht angepflanzt. Die meisten Obstbäume lernten sie erst durch die römische Kultur und durch die kolonisatorische Tätigkeit der Mönche kennen.
»Ein Ziergarten war damals unseren Vorfahren noch unbekannt... Erst in späteren Jahrhunderten, nach einer Verfeinerung der deutschen Kultur, fanden auch Pflanzen zur reinen Augenfreude Eingang in den Bauerngarten«.
Dieses schlichte Nutzland war weit entfernt von edler Zier, von Bäumen war noch keine Spur vorhanden, es war lediglich für das Nötigste des Lebens bestimmt, aber es war dem Germanen schon besonders wert und teuer. Jenes Hausland bildete mit der Hofstatt das Sondereigentum des Germanen im Gegensatz zu Feld, Wiese und Wald, die den gemeinsamen Sippenbesitz bildeten.
Die Obstkultur war im zweiten christlichen Jahrhundert in den Ländern am Rhein und an der Donau bereits eingebürgert. (Nach Angaben von Hoops sollen die Ausgrabungen in Saalburg bei Homburg bezeugen, dass am Fuß des Taunusgebirges schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten Pflaumen, Zwetschgen, Kirschpflaumen, Süß- und Sauerkirschen, Pfirsiche und Aprikosen, Walnüsse und verschiedene Sorten von Haselnüssen gezogen wurden). Einige Nutzpflanzen wie Kürbis, Gurken, Spargel, Sellerie, Knoblauch und Rüben gediehen in den römischen Gärten. Sogar Blumenbeete mit Rosen, Lilien und Fiolen (letztere vermutlich Goldlack oder Levkoje), die recht häufig mit Buchs eingefaßt waren, wurden von den Römern angelegt. Aber für die farbenprächtigen Blütenpflanzen hatte der prakhsch denkende »Barbare« noch kein Verständnis. Während der Völkerwanderung (2. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) und in den nächstfolgenden Jahrhunderten wurde dieser erste reiche Gartenbau vernichtet, und es gingen dabei auch manche der früheren Errungenschaften im Gartenbau wieder verloren.
Eine genauere Vorstellung vom Stand des Gartenbaus gibt uns allerdings die vom Abt Ansegis von St. Wadrille aus dem Orden der Benediktiner auf Befehl des Kaisers Karl des Großen im Jahre 812 n. Chr. in Aachen zusammengestellte Domänenverordnung, das »Capitulare de villis vel curtis imperii«. In dieser Landgüterverordnung wurden sehr detaillierte Vorschriften zur Verwaltung der Krongüter gegeben. Sie enthält die Regelung des ländlichen Betriebes auf den kaiserlichen Gütern nach bewährten Vorbildern aus römischer Zeit: »...die Dreifelderwirtchaft, der Weinbau, die Obstpflege, die Zucht von Hausvieh und Herdenvieh, Pferden, Rindern, Schafen, Schweinen, Ziegen, Bienen, Fischen sind bis ins einzelne vorgezeichnet als Bestandteile vorbildlicher Musterwirtschaften«. Der Kaiser selbst war wie schon seine Vorgänger der größte Grundbesitzer und lebte von den Erträgen seiner Güter. Er regierte seine Länder nicht von einem festen Regierungssitz, sondern von seinen verschiedenen Pfalzen (aus lat. paláhum = Palast, befestigte Wohnstätte des Königs) aus, die über das ganze Reich verteilt waren. Sie verschafften dem Kaiser feste Einnahmen, und wenn er dort mit seinem Gefolge wohnte, mussten die Bauern aus der Umgebung des Hofes Naturalien beisteuern.
Dieses erwähnte Reichsgesetz zählt im letzten, dem 70. Abschnitt im einzelnen alle Pflanzen auf, welche in den königlichen Gärten vorhanden sein mussten. Es verordnete den Anbau von 73 Nutzpflanzen (Gemüsen, Küchenkräutern, Gewürz- und Heilpflanzen) sowie die Anpflanzung von 14 Baumarten, die der Verwalter der kaiserlichen Güter in den Gärten vornehmen sollte. Doch unter den aufgezählten Gewächsen sind einige südeuropäische Heilpflanzen mit viel Gehalt an ätherischen Ölen, die sich vermutlich seit der Römerzeit hier gehalten haben, z. B. Rosmarin, Salbei, Diptam. Außerdem wurden einige Pflanzen wie Haselnuß, Wermut oder Beifuß aus der freien Natur in den Garten übernommen. Andere bis dahin unbekannte Nutzpflanzen verdankte Karl der Große seinem Freund Harun-al-Rashid. Diese wurden zunächst in dem Garten seiner Pfalz angebaut, an das hiesige Klima gewöhnt und dann weitergegeben und empfohlen. Eimge der aufgezählten Obstbäume wie Feige und Lorbeer können aber im mitteleuropäischen Klima nicht gezogen werden. Verschiedene Experten sehen darin einen Beweis, dass das Capitulare von seinem Sohn Ludwig dem Frommen stammt und bereits im Jahre 795 für seine Hofgüter in Südfrankreich in Aquitanien erlassen wurde.
Im Brevarium sind Inventarien (Verzeichnisse oder Berichtsformulare) aufgestellt worden, unter anderen auch von der Pflanzen, welche in zwei Krongütern wirklich gezüchtet wurden. Dass Inventar I des Hofgutes Asnapium weist achtundzwanzig Pflanzen (20 Blumen- und Gemüsearten, 8 Obstbäume), das Inventar II des Hofes Treola siebenunddreißig Pflanzen (27 Blumen- und Gemüse- und 10 Obstarten) auf. Beide Hofgüter sollen in Südfrankreich gelegen haben, und deswegen nimmt man an, dass nur diese Gegend als Geltungsbereich der Capitularien zu betrachten sei.
Eine wichhge Rolle spielte die Hauswurz, ein »Immerlebendes«. Bei den Alten führte die Pflanze auch den Name Jupiterbart. »In Deutschland war das Gewächs dem Donar geweiht, die rosaroten Blüten erinnern an den Bart des Donnerers, den dieser beim Zucken seiner Blitze schüttelte; es trug daher den Namen Donnerbart oder Donnerwurz.« Man sah in der kerzengeraden Blume einen Blitzableiter, der das Haus während des Gewitters schützte, und sie genoß auch eine besondere Bedeutung als Heilmittel. Das Capitulare ordnete an, sie auf dem Hausdach anzupflanzen, und in der Gegenwart findet man sie unter den Namen Dachwurz noch in Gärten, am Zaun oder auf Pfählen angepflanzt wieder.
Eine wichtige Kulturpflanze, die wahrscheinlich aus dem vorderasiatischen Raum stammt, ist die Rebe. Nach dem Capitulare Karls des Großen musste auf jedem seiner Güter, die durch Aushängen von Kränzen zu bezeichnen waren, ihr Anbau betrieben werden.
Eine klare Darstellung von einem Klostergarten bietet uns ein zum Bauriß des Klosters St. Gallen 825 n. Chr. entworfener Plan von dem Benediktinermönch Eginhard. Dieser Entwurf kam zwar niemals zur Ausführung, zeigt aber zum ersten Mal eine genaue Einteilung des Gartens und eine Anordnung der Gewächse (wahrscheinlich eine geordnete Ausführug des Capitulare oder »...dass beide – Klosterplan und Capitulare – aus derselben Quelle, dem Lehrgut der Benediktinermönche, schöpften«).
Für den Garten des Klosters wurden 3 Abschnitte geplant:
a) der Arzneigarten oder Herbularius,
b) der rechteckige Gemüsegarten »hortus« (hier fehlen
jene Gemüse, die zur allgemeinen Ernährung dienten: Rüben
verschiedenster Art, Bohnen, Erbsen, Linsen, Hirse usw. »Das alles
ist draußen angebaut, sei es vom Kloster selbst, sei es von Hörigen,
die zur Ablieferung verpflichtet waren, oder aus der weiteren Umgebung...«
c) der Baum- und Obstgarten; er war gleichzeitig Friedhof des Klosters.
Aus einer stark symbolischen Denkweise sah man in den Obstbäumen mit
ihrem jährlichen Lebensrhythmus ein Sinnbild der Auferstehung, ein
neues Leben nach dem Tode. Der Baumgarten wurde der eigentliche Wohngarten,
der reichlich Platz für mehr Besucher bot, und der zugleich ein Abbild
des Garten Eden darstellen sollte.
»Die Anregung der kaiserlichen Landgüterverordnung zog im Laufe der Jahrhunderte immer weitere Kreise; die Klostergärten wetteiferten mit den Krongütern, und die Landgutbesitzer versuchten beiden zu folgen.«
Das erste botanische Dokument aus alter deutscher Zeit ist das lateinische Gedicht von WALAHFRIED VON STRABO, Abt des Klosters von Reichenau, »Hortulus« oder »Liber de cultura hortorum (»Von der Pflege der Gärten«) genannt. »...Er beschreibt in wenigen Zeilen die Anlage, die Pflege sowie Schönheit und Kräfte seiner Blumen.« Diese Gartendichtung befasst sich mit 23 Arznei- und Nutzpflanzen, wobei ihre Lieblichkeit, ihr Duft oder ihre Heilwirkung stets hervorgehoben werden. Doch dieser erste deutsche Garten ist immer noch ein »Wurzgärtchen«, ein Arzneigarten, in dem die Blumen nebensächlich sind. Es sind viele Pflanzen aus dem Mittelmeergebiet erwähnt, die wegen ihres starken Geruches in der Medizin und beim Volk sehr beliebt waren.
Erst später brachten die Mönche auch Blumen aus ihren italienschen Klöstern mit. Sie pflanzten sie in ihre Klostergärten, aus denen dann die Blumen allmählich in die ländlichen Gärten wanderten. »Der deutsche Mensch hat die Blumen eher mit der Nase als mit dem Auge bewertet. Der starke Geruch, dem man eine belebende, eine stärkende, ja heilende Wirkung zuschrieb, wird zuerst an Rose und Lilie mit Entzücken hervorgehoben, während die geruchlosen Blumen verachtet wurden.«
Zur Verbreitung der Kenntnis und des Anbaus von Arzneipflanzen trug damals auch wesentlich das »Buch der Natur« von KONRAD VIN MEGENBERG (1350) bei. Es war die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache.
Bisher hatten eigentlich nur Pflanzen Beachtung gefunden, die einen gewissen Nährwert hatten, über Heilkräfte verfügten oder sonst irgend einen Nutzen brachten. Nun aber hatten sie auch wegen ihrer Schönheit eine Daseinsberechtigung. Eine große Vielfalt von bisher unbekannten Gewächsen aus römischen Gärten begeisterte zuerst Forscher und Botaniker, dann das gehobene Bürgertum, schließlich hielt sie auch in die einfachen Gärten Einzug. Die Gärten wurden immer prächtiger und die Pflanzenauswahl immer größer (besonders berühmt waren damals die Gärten der Fugger in Augsburg).
Pflanzen, die in diesen Jahrhunderten aus dem mediterranen Raum eingeführt
worden sind:
– der Goldlack oder Mainägele. Nach TERGIT war er im 9. Jahrhundert
in den meisten Klostergärten zu finden. »Man findet die Blume
häufig auf den Altanen, dem Gemäuer und in den öden Fensteröffnungen
der rheinischen Burgruinen, und es sind leichsam die letzten Andenken und
Grüße der holden Burgfräulein und ehrbaren Schloßfrauen...«.
Im Altertum verwendete man dieses Kraut als Heilpflanze (man glaubte, dass
sie Geschwüre heile; sie enthält ein gefährliches Herzgift)
sowie als Schmuck für religiöse Feste;
– das Singrün oder Immergrün ist ein typischer Siedlungsanzeiger;
– der Rittersporn. Die alten Griechen glaubten in seiner Knospe die
Form eines Delphins zu erkennen (enthält ein Alkaloid: Delphinin);
– die Königskerze oder Wollkrautgewächs, Arzneipflanze, schon
vor den Römern benützt;
– der Lavendel, eine alte Duft- und Heilpflanze; –
– die heute noch weitverbreitete und viel benützte Pfingstrose
oder Putenje, auch Kinneperlen genannt, da ihre korallenartigen Samen zu
Ketten aufgereiht den Kindern zum »Zahnen« gegeben wurden.
Im Capitulare erwähnt, wahrscheinlich schon vor 1500 in den Gärten
angepflanzt
– der Silberling oder das Silberblatt, eine immer noch häufige
Zierpflanze, deren Fruchtstände für Trockensträuße
benützt werden;
– der Spindelstrauch oder das Pfaffenhütchen, Zierstrauch mit
giftigen Samen.
Um diese Zeit kamen aus den höher gelegenen Gebieten Europas:
– die Christrose, auch Schneerose oder schwarze Nieswurz genannt, eine
frühere Heilpflanze, aus der Niespulver gemacht wurde und die ihren
Namen wegen ihrer Blütezeit im Winter um Weihnachten erhielt;
– auch das Schneeglöckchen sowie das wohlriechende Veilchen, eine
schon im Altertum bei Griechen und Römern bekannte Arzneipflanze;
– der rote und purpurrote Fingerhut, eine Herzgift und Arzneipflanze,
seit alters her in Kultur und in England seit dem 11. Jahrhundert offizinell
in Gebrauch und
– der hochgiftige Eisen- oder Sturmhut (Aconitin ist eines der stärksten
Pflanzengifte überhaupt), zählen zu den Garteneinwanderern vor
dem 15. Jahrhundert.
Aus dem mittelasiatischen Raum stammt das Mailiebchen, Gänseblümchen,
Tausendschön oder in Schweden Priesterkragen genannt, eine ursprüngliche
Heilpflanze, die früher größere Beliebtheit genoß.
Aus dem ostmediterranen Raum kamen um diese Zeit immer noch benutzte Heil-
und Würzpflanzen in die Gärten:
– die Kamille, Goldikraut, Sonnenaug' oder Bärmutterkraut
– die Stock- oder Bauernrose; bereits im Kräuterbuch des HIERONYMUS
BOCK (1551) sind Sorten beschrieben. Früher wurde aus der Sorte `Nigra'
der rote Farbstoff Althein gewonnen und zum Färben des Rotweins benutzt;
– die Zitronenmelisse oder Zitronenkraut (aus dem Griech. melissa =
Biene – beliebtes Bienenfutter). Es ist ein altes Heilmittel, da die Blätter
ein zitronenähnlich duftendes ätherisches Öl enthalten;
– der Majoran; evtl. könnte sich hinter dem im Capitulare aufgeführten
Namen »Diptamnum« der Majoran verbergen.
Aus Ostasien soll die Judenkirsche oder Lampionblume stammen. Sie wird bereits in der Physica der Hl. Hildegard im 12. Jahrhundert erwähnt und im Jahre 1551 im »Kreuterbuch« des HIERONYMUS BOCK auch abgebildet. Ihre Beeren sind genießbar und wurden früher für Arzneien benützt. Die Taglilie und der Knöterich gehören zu den früheren Kulturbegleitern, die ebenfalls aus dem ostasiatischen Raum stammen.
Obwohl die gelbe Narzisse auf den Wiesen des Hunsrücks, der Eifel und des Hohen Venns heimisch ist, hielt sie erst zusammen mit den Neuankömmlingen Einzug in die deutschen Gärten. Die Tulpe wurde 1560 eingeführt. Der Name wird von dem persischen Wort dulbend abgeleitet, von dem die Bezeichnung für eine orientalische Kopfbedeckung stammt: Turban. Siebzig Jahre nach ihrer Ansiedlung in Augsburg war sie schon über ganz Europa in verschiedenen Spielarten verbreitet, die sich im folgenden Jahrhundert auf über tausend vermehrten.
In den Jahren 1632 bis 1640 verursachte sie in Holland eine der merkwürdigsten Formen des Wahnsinns der europäischen Geschichte: Es entwickelte sich die »Tulpomanie«. »Der Holländer, sonst ruhig und leidenschaftslos, wurde plötzlich wie von der Tarantel der Blumenmanie gestochen... der ganze Verlauf dieser plötzlich sich einstellenden Volksneigung nur sehr ausnahmsweise von einem poetischen oder idealen Gefühle beseelt war, sonst ein rein materielles Ansehen gewann... Festtehend ist, dass die Tulpe auf den Märkten von Amsterdam, Harlem, Utrecht, Leyden, Rotterdam und anderen Orten von 1634 bis 1637 einen Handelsartikel ernstester Art ohne alle Romantik bildete«. Unzählige Anekdoten über den Tulpenirrsinn jener Zeit sind bekannt. So wurden z. B. 1632 an einer Tulpenbörse »... für eine einzige Zwiebel der Sorte Viceroy als Gegenwert: 2 Lasten Weizen, 4 Lasten Roggen, 4 fette Ochsen, 8 fette Schweine, 12 fette Schafe, 20 Hoft Wein, 4 Tonnen Bier, 2 Tonnen Butter, 1000 Pfund Käse, 1 Bett mit Zubehör, 1 Paket Kleider und 1 silberner Becher gegeben. Zu einem Gesamtpreis von 2500 Gulden.« Für die wohl teuerste Tulpenzwiebel, eine Semper Augustus, wurden sogar 13.000 Gulden bezahlt. Es ist bemerkenswert, dass die Tulpe als ein Spekulahonsobjekt zum Gelderwerb gedient hat. Aber schon im Frühjahr 1638 brach der ganze Tulpenschwindel zusammen. Die Preise fielen von 5.000 auf 50 Gulden für die schönsten Arten, und somit war mancher Traum von Reichtum zu Ende.
Nach dem großen Tulpenkrach gewannen die Blumenliebhaber für die Hyazinthe, auch Glöckle oder sogar Weinkrügle genannt, mehr Interesse. Sie wurde erst 1596 in den Gärten eingeführt, obwohl sie im Gegensatz zur Tulpe eine altbekannte Blume ist, die schon bei Homer vorkommt. Am Anfang des 19. Jahrhunderts waren besonders die gefüllten Sorten schon so hoch in der Wertschätzung der »Blumisten« gestiegen, dass Beträge für sie gezahlt wurden, die nahe an die Phantasiepreise der Tulpomanie heranreichten.
Mediterraner Herkunft, wahrscheinlich von der Balkanhalbinsel, ist einer der wichtigsten Ziersáäucher der ländlichen Gärten. Von den Türken »Lilak« genannt wurde er 1560 in Wien eingeführt und als »Türkischer Holler« bezeichnet. Erst im 19. Jahrhundert kam er zu dem Namen Flieder. Von Wien aus verbreitete er sich in ganz Europa und »...man findet ihn von Italien und Spanien bis Skandinavien und Rußland, vom Meeresstrand bis 1.200 m Höhe in den Alpentälern...«. Der Flieder fand sogar als Heilmittel Verwendung: Frucht und Rinde als Fiebermittel, die frischen Blätter sogar gegen Malaria. Die ätherischen Öle der Blüte dienen heute noch der Parfümerie.
Aus dem westlichen Himalaya und dem Iran stammt die Kaiserkrone, die
1576 von L'Ecluse (= Clusius) aus Konstaninopel nach Wien gebracht wurde.
Im 16. und 17. Jahrhundert bildete sie den Hauptschmuck der eleganten deutschen
Gärten. Andere Zierpflanzen, die zu dieser Zeit ihren Einzug aus dem
Orient hielten:
– die Roßkastanie wurde 1588 von Clusius aus Konstandnopel eingeführt.
»Den Namen erklärt man daher, dass die Früchte den
hustenden Pferden der Türken Heilung bringen«;
– der gelbe Frühlingskrokus. »Als deutsche Pflanze wird
der Safran zum ersten Mal von Hieronymus Bock erwähnt...« Nach
von Bronsart war der »echte Safran« Crocus satinus im Garten
kaum vertreten, obwohl Deutschland vom 14. bis zum 16. Jahrhundert das
Zentrum des Safranhandels war. Er war ein hochgeschätztes Gewürz-,
Farbstoff-und Arzneimittel;
– die Brennende Liebe, Lichtnelke oder Jerusalemi, seit 1561 in Kultur;
– die Jungfer im Grünen oder Schwarzkümmel;
– der Kirschlorbeer, der 1583 durch Clusius eingeführt wurde;
– der Roseneibisch;
– die Gartennelke, die sich rasch verbreitete, zuerst als Ersatzstoff
für die echte Gewürznelke, dann aber als beliebte Zierpflanze,
als man im 17. Jahrhundert der Zwiebelgewächse überdrüssig
war.
Auch verschiedene Nutzpflanzen fanden einen Platz im Garten:
– der Kürbis – es handelte sich hier um die wahrscheinlich älteste
aller in Europa gezogenen amerikanischen Nutzpflanzen, denn sie wurde um
1500 eingeführt (sie wurde bereits 1543 von LEONHARD FUCHS in seinem
Kräuterbuch abgebildet, zusammen mit Paprika und Mais);
– der Speisepfeffer oder Paprika, heute eine beliebte Gewürz-
und Gemüsepflanze;
– der Mais, alte Kulturpflanze der indianischen Hochkulturen Amerikas;
– auch die amerikanische Erdbeere hielt jetzt Einzug Europa, aus deren
Hybridisierung mit edr europäischen Walderdbeere die heutzutage weitverbreitete
Gartenerdbeere hervorkam (im Altertum und Mittelalter wurden lediglich
die wildwachsenden Beeren gesammelt).
Aus Südamerika kam außerdem die Gartenbohne, Fisole oder Schminkbohne. Kolumbus erwähnte die Bohne schon in seinem ersten Reisebericht als Fexones oder Fexoes. In ihrem Ursprungserdteil ist sie immer noch die wichtigste Komponente der Ernährung der minderbemittelten Volksschichten.
Auch sie gehört zu den alten Kulturpflanzen der indianischen Hochkultur; ihre Heimat befindet sich in den kalten Höhen der chilenischen, peruanischen Anden. In Deutschland begann ihre Anpflanzung als ausländisches Ziergewächs als Kuriosität in den kaiserlichen Gärten von Wien und Frankfurt im Jahre 1588. Jahrzehntelang wurde sie vom Volk als Nahrungsmittel mißachtet. Durch eine List Friedrichs des Großen (oder eines findigen Apothekers?) erfolgte ihre allgemeine Verbreitung und Verwendung. Man erzählt, dass dieser ein großes Feld anpflanzen und streng bewachen ließ, wodurch natürlich der Reiz bei der Bevölkerung entstand, auch von diesem kostbaren Gut zu besitzen. Seitdem war sie die Retterin aus Hungersnöten, bei Mißwuchs der Getreidesaaten und in den Kriegen. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts beherrschte sie die Eßgewohnheiten in solchem Maße, dass ein schlechtes Kartoffeljahr in einem großen Teil Europas Hungersnot herbeiführte. Durch die Kartoffel wurden früher hochgeschätzte Wurzelgewächse verdrängt, wie z. B. die Rapunzel, der Pastinak oder die Zuckerwurzel. Auch das südamerikanische Blumenrohr war schon des 16. Jahrhunderts im Garten des Laurentius Scholz vorhanden. Aus Mittelasien wanderte der Fuchsschwanz in die Gärten ein. Aus Indien, Malaysia und China stammen Gartenbalsaminen. Die Brombeere stammt aus dem südostasiatischen Raum, eine Art, die durch die später aus Nordamerika eingeführte große Gartenbrombeere verbessert wurde.
Eine alte Kulturpflanze, die in Europa seit dem 16. Jahrhundert eingeführt und seit dem 18. Jahrhundert als Arzneipflanze gebräuchlich wurde, ist die Wunderpflanze Palma Christi oder Wunderbaum von Sansibar, eine Euphorbiacee, die aus dem tropischen Afrika stammt und dort als Ölpflanze angebaut wird.
Dies war auch das Jahrhundert, in dem manche immer noch beliebte Topfpflanze aus dem Mittelmeerraum nach Mitteleuropa gelangte, z. B. der Oleander oder Rosenbeer, ein bei den Römern sehr beliebtes Gewächs, das bereits auf pompejanischen Wandgemälden abgebildet war Es erscheint schon im »New Kreuterbuch« des LEONHARD FUCHS abgebildet, und obwohl die Pflanze giftig ist, hört sie zu den ältesten und beliebtesten Kübelpflanzen.
Der Lorbeer gelangte wahrscheinlich auch vor 1550 nach Deutschland. Im Altertum war er als Symbol der Reinheit Apollo gewidmet. Die römischen Sieger trugen ihn bei ihren Triumphzügen durch Rom. Zwar empfahl ihn schon die Heilige Hildegard von Bingen im 13. Jahrhundert für medizinische Zwecke (Blätter und Frucht mit ätherischem Öl wurden für Hautkrankheiten verwendet), aber als Zier- bzw. Kübelpflanze tauchte er erst drei Jahrhunderte später auf.
Im 17. Jahrhundert erwies sich vor allem Amerika in viel größerem Maße als bisher als Bezugsquelle neuer Pflanzen. Auch schön blühende Bäume und Sträucher kamen aus dem neuen Kontinent. Die aus kälteren Klimaten stammenden Pflanzen hatten keine großen Schwierigkeiten, sich hier in Europa anzusiedeln.